21st Century Women: Mahret Ifeoma Kupka

Vogue | September 2020

Seit 2013 ist Dr. Mahret Ifeoma Kupka Kuratorin am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main, wo sie Ausstellungen über Mode und ihren kulturellen Kontext entwickelt – wie aktuell über das Modelabel Comme des Garçons (bzw. die Sammlung an Comme-des-Garçons-Stücken der Designerin und Mode-Ikone Michelle Elie, die gerade auch Protagonistin der VOGUE-September-Ausgabe ist). An einem verregneten Donnerstagmittag telefonieren wir über zwei Stunden miteinander, um über die Geschichten zu sprechen, die nicht erzählt werden und inwiefern diese Geschichten mit der Kolonialzeit, dem Feminismus als auch Rassismus zusammenhängen.

Dr. Mahret Ifeoma Kupka: Gestern Abend las ich die Geschichte des Museum of Modern Art in New York und wie durch den Gründer Alfred Barr und dadurch, wie er diese Sammlung zusammengestellt und in eine Chronologie gebracht hat, moderne Kunstgeschichte geschrieben wurde. Das, was er entschied, manifestierte sich nicht zu der Kunstgeschichte der Moderne. Obwohl in dieser Sammlung für eine umfassende Erzählung moderner Kunstgeschichte sehr viele Künstler*innen fehlen, wurde sie zu einer Blaupause dafür, wie sich Museen für zeitgenössische Kunst strukturieren.

© Lawrence Agyei
© Lawrence Agyei

Carmen Buttjer: Aber was, wenn Alfred Barr etwas entgangen ist?

Dr. Mahret Ifeoma Kupka: Ja, oder eine Perspektive nicht genug ist. Vor zwei Wochen war ich in der Ausstellung “Kleider in Bewegung” im historischen Museum in Frankfurt. Dort ist ein blaues Kleid aus dem 19. Jahrhundert zu sehen. Die leuchtende, synthetische Far
be war damals eine Sensation und wurde per Zufall entwickelt – während eines chemischen Experimentes auf der Suche nach einem Medikament gegen Malaria.

Carmen Buttjer: Warum wurde in Europa nach einem Medikament gegen Malaria gesucht?

Dr. Mahret Ifeoma Kupka: Genau das ist das Spannende. Malaria wurde in Deutschland erst mit dem Kolonialismus und dem Bereisen der Gebiete, in denen es Malaria gab, ein Thema. Durch die blaue Farbe des Kleides weitet sich der Fokus der Ausstellung über die Grenzen Europas aus. Es wird klar, dass eine vollständige Geschichte der Frauenkleidung in Europa und Nordamerika nicht ohne die Erzählung des Kolonialismus auskommt. Selbst dann, wenn es in der Ausstellung nicht direkt um die Kolonialzeit geht, sondern darum, wie Kleidung und Körperbewegungen mit der politischen und sozialen Emanzipation der weißen Frau in Europa und Nordamerika zusammenhängen. Die blaue Farbe des Kleides öffnet eine Tür, durch die in der Ausstellung nicht gegangen wird. Dabei würde die Erzählung dadurch vollständiger werden. / hier geht es zum Rest der Folge

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