Kolumne: Wenn ich von …

Vogue | 2018 – 2020

 


Es regnete, Mitternacht war vorüber, ich lag auf den Dielen neben dem Bett, die Arme weit von mir gestreckt. Yên und Johanna saßen aneinandergelehnt am Rande der Matratze, Isla dagegen an ihrem Ende, sie zündete zwei Zigaretten an und gab mir eine davon. Seitdem Johanna sich von ihrer Freundin getrennBildschirmfoto 2020-06-09 um 12.13.33t hatte, waren zwei Monate vergangen, vor einem Jahr hatten sie sogar geheiratet und sich einander alles Mögliche geschworen.

Sie erzählte von einem Mann, dem sie begegnet war. Von der ersten Nacht und davon, wie es war, zum ersten Mal überhaupt mit einem Mann statt einer Frau zu schlafen. Ich sah zu Isla hinüber, mir ging es genauso, nur andersherum. Doch was mich viel mehr zum Staunen brachte als dieser Unterschied war die Frage, die von Yên als auch Isla kam. Beide wollten wissen, wie Johanna ohne einen Blowjob davongekommen war. Ihre Worte blieben wie der Rauch der Zigaretten in der Luft hängen. Draußen begann es zu gewittern.

Ich wusste, dass jeder von uns unterschiedliche Ideen über Sex hatte, einige davon waren gut, andere schlecht und dann waren da noch die seltsamen. Sie hatten nur eins gemeinsam: Keiner wusste, woher sie kamen. Ich nannte sie Sylphen. Wie die Luftgeister aus der griechischen Mythologie, die wie jedes fiktive Wesen strengen Normen und Standards unterworfen waren. Sie waren zart, filigran und hatten keine Seelen, und hatten sie doch eine, waren es keine Sylphen. Dasselbe schien viel zu oft für Frauen zu gelten, auch uns durfte es nur in einer Form geben. Ich drehte mich auf den Rücken und erinnerte mich an das Erste, was ich über Sex gelernt hatte. Anhand eines anatomischen Plakats, auf dem der Aufbau der männlichen als auch der weiblichen Genitalien ab-gebildet gewesen war. Ich war kaum älter als sieben Jahre und von da an wusste ich, dass Männer Erektionen und Orgasmen bekamen, Frauen die Periode und Schwangerschaften.

Zum Rest der Episode 

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