Kolumne

Vogue | 2018 – 2020

Dorda 06

Immer wenn ich über irgendeine Stadt rede, meine ich Berlin. Nicht weil es die beste ist, die ich mir vorstellen kann, es passiert einfach, wohingegen die Stadt in meinen Träumen ganz anders aussah. Pariser Straßen, die sich durch Brooklyn zogen und von der Wüste, manchmal auch vom Urwald unterbrochen wurden. Trotzdem hatte die Stadt, in der ich lebte, etwas mit ihr gemeinsam: Sie war so absurd wie die in meinen Träumen. Da waren Tage, an denen sie das Schönste war, das ich kannte und dann waren da die Tage, an denen sie mir wie der einsamste Ort vorkam, den ich jemals erlebt hatte. In dieser Stadt war ich länger einsam gewesen als ich geglaubt hatte, es sein zu können und hatte meine Zeit mit Menschen verbracht, die ich angespuckt hätte, wenn sie nicht schon in meinem Bett gelegen hätten. Ich war nicht nur davon überzeugt gewesen, irgendwohin gehören zu müssen, sondern auch zu irgendwem. Unbedingt. Ich konnte mich nicht einmal mehr daran erinnern, woher diese Idee kam. Vielleicht hatte sie Generationen überdauert und stammte aus einer Zeit, in der Frauen genauso ununterbrochen wie unvermeidlich zu irgendwem gehört hatten und war von da aus bis in mein Bewusstsein gelangt. Vielleicht hatte sich seitdem auch gar nicht so viel verändert. Vielleicht war diese Idee Teil einer Geschichte, die immer noch durch die Straßen zog. Vielleicht hatte es auch nichts mit der Gesellschaft, nichts mit der Idee der Familie, der Beziehung, sondern nur mit der Einsamkeit zu tun, die mir ohne all das zwischen den Rippen steckte. Manchmal hatte ich mich so einsam gefühlt, dass ich geglaubt hatte, ich würde alleine in dieser Stadt leben und versickerte in ihren Straßen. Nur das alle anderen noch da waren. Niemand hatte sie verlassen. Da waren Beziehungen, in denen ich mich einsamer gefühlt hatte, als zu dem Zeitpunkt als ich nur alleine gewesen war. Dieses Gefühl kam mir so bekannt vor, als hätte ich es selbst erfunden und irgendwann die Kontrolle darüber verloren. Ich verriet es niemandem. So wie die meisten es taten. Einsamkeit war absurd. Sie verschwand nur, umso öfter man sie fühlte. So lange, bis man verstanden hatte, dass sie dazugehörte, dass niemand einen da rausholen würde, dass einem trotzdem nichts passierte, dass sie einen nicht umbrachte; es manchmal nichts gab, was man gegen sie tun konnte; dass sie von selbst verschwand, wie Regen wieder vorüberging; aber auch wiederkam. So lange, bis Alleinsein zu etwas wurde, das nichts mehr mit der Einsamkeit zu tun hatte.

Es wurde zu den Wochenenden, an denen ich nur mit einer Lederjacke über den Schultern zwischen Magazinen auf dem Teppich in meiner Wohnung lag, dem wandernden Licht der Sonne auf den Dielen zuschaute, nichts tat, nirgendwo sein musste und masturbierte. Für Frieden und andere Tagträume. Alleinsein wurde zu dem nächsten Flug, den ich nach Tel Aviv nahm, einer Stadt, die wie der nördliche Teil von der aus meinem Traum aussah. Es wurde zu den Nächten, in denen ich durch die Straßen lief, bis die Dämmerung über den Dächern erschien und sich orange in den Gesichtern der Anderen reflektierte und sobald die Ablenkungen verschwanden, die Illusionen und Mythen, auch die Unterbrechungen und Erwartungen, die Vergleiche und Widersprüche, die flüchtigen Phrasen und abgenutzten Prinzipien, die Parolen, die Gedanken zu gestern und morgen, kam es mir vor, als würde ich alles deutlicher als vorher erkennen. Als wären die Konturen der Stadt, jeder Straße und der Menschen darin von irgendwem nachgezogen worden. Selbst die Geräusche waren besser zu hören. Alles veränderte sich und Alleinsein wurde zu einem Abenteuer, das nicht nur auf irgendwelchen verlassenen Highways Richtung San Francisco, sondern überall begann. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, darauf zu verzichten.

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