LEVI

Galiani Verlag | August 2019

In dem Roman wird die Geschichte des Elfjährigen Levi und die des ehemaligen Kriegsfotografen Kolja erzählt, er erschien im August 2019 beim Galiani Verlag in Berlin und ist seitdem in allen Buchhandlungen, unter anderem bei Uslar & Rai und der Buchbox in Berlin erhältlich.

Ausschnitt aus Koljas Perspektive

Ungeduldig zog Kolja ein letztes Mal an der Zigarette zwischen seinen Fingern, schnippte sie gegen die Fassade, während er die orange glühenden Asche, die von ihr abprallte, betrachtete. In der Wüste sah das Sonnenlicht anders aus als hier, gelb und surreal. Er mochte diese Farbe. Es roch nach einem Wort in Suaheli, an das er sich nicht mehr erinnern konnte. Die kühle Luft des Morgens strömte in seine Lungen, nicht mehr lange und sie würde der Hitze weichen. Dann lief er die Regale entlang bis ins Hinterzimmer und stellte den Eimer hinter die Tür. Der Junge schlief immer noch. In einer zerschlissenen Hose, seit der Beerdigung trug er keine Schuhe. Während der Nacht hatte Kolja ihn immer wieder im Schlaf reden hören. Er lag auf der Seite und hielt sich mit beiden Händen an dem Kissen unter seinem Kopf fest. An diesem Morgen wirkte er noch viel jünger als sonst. Unwillkürlich griff er nach einer der Kameras auf dem Schreibtisch und machte ein Foto von ihm, dann zog er langsam, bedacht darauf, kein Geräusch zu verursachen, die Schubladen seines Schreibtisches auf und ging die Fotografien durch, die ungeordnet darin lagen. Einige hafteten aneinander, sodass ein Teil der Bilder sich voneinander ablöste, als er sie trennte. Weiße Flecken wie Erinnerungslücken. Das, was er suchte, konnte er nicht finden. Als keine Luft mehr in den Reifen gewesen und sie nur noch auf den Felgen gefahren waren, hatte Joan angehalten, mit hochgezogenen Schultern waren sie über die Fahrerseite aus dem Auto gestiegen, hatten ihre Ausrüstung zurückgelassen und waren mit dem Wind im Rücken über den grobkörnigen Boden auf das Wüstenfeld links von der Straße gerannt. Solange, bis die Schüsse aufgehört hatten, während über ihnen Flugzeuge durch den Himmel gezogen waren. 

Es war immer kälter geworden, und auch wenn sie sich sicher gewesen waren, dass sie nicht versehentlich in die Richtung liefen, aus der sie gekommen waren, war Joan nach einer Stunde stehengeblieben und hatte sich geweigert weiterzulaufen. Sie hatte ihm nicht mehr zugehört, ihre Hände tief in den Sand geschoben und angefangen zu graben. Ihre Stimme hatte die Stille zerissen und sie waren in Streit geraten, Kolja hatte sie ins Gesicht geschlagen und am Arm gepackt. Die Nacht war so dunkel gewesen, dass er weder seinen vollständigen Arm noch sie gesehen hatte. Lediglich ihr Gewicht hatte ihn davon überzeugt, dass es kein Geist war, den er hinter sich her schleifte. Auch als der Morgen hereingebrochen war, konnte er nicht mehr erkennen. Sie waren in einen Sandsturm geraten, und das matte Schwarz war zu einem hellen, doch undurchdringlichen Gelb geworden, das ihnen in die Augen und den Mund geweht war. Tage, die wie in Rauch aufgegangen waren. Joan war zwei Monate später gestorben. Der Tod war seltsam, von ihrem hatte er am Telefon erfahren. Er hatte gewusst, dass das passieren konnte, nicht nur ihr, sondern auch ihm, und trotzdem fand er es seltsam. Noch immer. Sie war tot, aber es fühlte sich nicht so an. Er wusste auch nicht, wie es sich anfühlen sollte. Vielleicht wie die Wirklichkeit, doch nicht einmal dieses Wort hörte sich so an wie die Wirklichkeit. Er rieb sich mit den Händen über die Arme, dann durch das Gesicht, wie um aufzuwachen. Joan hatte immer gesagt, sie wolle nach ihrem Tod irgendwelchen wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen werden. Trotzdem war sie beerdigt worden. 

Ausschnitt aus Levis Perspektive

Wäre in dieser Stadt ein Sumpf gewesen, hätte ich mich darin versteckt. Nicht weil ich sterben wollte, aber weil es dort so viele Arten zu Sterben gab, dass mir niemand gefolgt wäre: Stecken bleiben und ersticken, Moskitos, die Malaria hatten, Schlangen und Krokodile. Das wusste ich von Kolja. Er hatte mir auch erzählt, dass sie manchmal von darüber hinwegziehenden Helikoptern mit Benzin überschüttet und angezündet wurden. Die besten Verstecke waren die, die so gefährlich waren, dass niemand an diesen Orten suchen wollte. Niemand würde mich hier oben finden. Umgeben von Dächern, die mit der Stadt und von Kontinenten umwickelt waren. Darüber die Farbe von gelbem Äther, ein breiter Streifen schwarz dahinter. […] Die Haare klebten mir nass auf der Stirn, die Schürfwunde an meinem Knie pochte. Tote waren ganz anders als wir. Sie sahen zwar so aus wie Menschen, doch ihre Haut hatte eine andere Farbe und sie rochen auch anders. Die Augen wurden starr, sie sagten nichts mehr, als wären sie leer. Das Erste, was ich über den Tod gelernt hatte, war, dass kranke Tiere sterben, und sobald sie das taten, wurden sie verscharrt oder gegessen. Dazu wurde ihnen die Haut abgezogen. Von da an waren sie keine Tiere mehr. Die, die niemand unter die Erde brachte, wurden zu Aas, aber auch das blieben sie nicht lange. Sie verfaulten und zersetzten sich, sodass nichts mehr da war. Nicht einmal die Knochen, so als hätte es sie niemals gegeben. Das mit dem Tod hatte ich mir immer so vorgestellt, dass man erst starb, sobald man alt geworden war. Nach hundert Jahren, ich hielt hundert für eine gute Zahl. Mein Vater war davon noch weit davon entfernt, genauso wie meine Mutter, und trotzdem war sie vorher gestorben. Das war das nächste, was ich über den Tod gelernt hatte. Niemand musste alt werden, um zu sterben. Im Zelt war es so heiß, dass ich mich umgekehrt hinlegen musste. Also mit dem Kopf zum Ausgang, da wo sonst die Füße lagen. Ich sah in den Himmel und der Wind strich über meine Haut. Er war immer noch warm, zum ersten Mal an diesem Tag spürte ich meine von der Sonne verbrannte Stirn. Abwechselnd mit meinem Knie. Stimmen drangen aus den weit geöffneten Fenstern der gegenüberstehenden Häuser, sie streiften aneinander vorbei ohne sich zu Sätzen zusammenzufügen, weiter weg wurde etwas umgeschmissen, danach ein Geräusch, das ich nicht kannte. Ich stand auf und ging Richtung Dachkante. Gegenüber stand ein Fenster offen, und ich starrte hinein wie in einen Abgrund, in den ich hineinfallen könnte. Alles was ich sonst sah, war die verlassene Straße. Da war das Geräusch von aufgeschreckten Vögeln, deren Flügel durch die Luft schlugen. Als wäre ein Schwarm über mir hinweggeflogen. Als ich nach oben schaute, konnte ich keinen entdecken. Ich schob die Urne in den Rucksack und schlich mit ihm durch das Treppenhaus nach unten. Erst vor Haustür blieb ich stehen, der Wind wehte zwei Plastiktüten über den Asphalt als würde er mit ihnen spielen. Ich schlich ihnen entgegen als würde ich ihnen auflauern, durch das gelbe Licht der Laternen, es schnitt Schatten in die Straße und unterteilte sie in hell und dunkel.

 

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